Corona: Stadtsportbund fordert differenzierte Betrachtung

Der organisierte Sport in Münster ruht. Und das seit mittlerweile sechs Wochen.
Der Stadtsportbund Münster (SSB), als Vertretungsorgan aller Sportvereine, hat sich nun in einem offenen Brief an den Oberbürgermeister gewandt. Darin fordert der SSB eine aktuelle und differenzierte Einschätzung der gegenwärtigen Situation seitens der Stadt Münster.

Wir veröffentlichen nachfolgend diesen Text ungekürzt:

Herrn Markus Lewe
Oberbürgermeister der Stadt Münster
Stadthaus 1
Klemensstraße 10
48143 Münster

                                                                                                                                                                                                                                                19. April 2020

Der organisierte Sport in Münster in Zeiten der Corona-Krise

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
mit unserem heutigen Schreiben möchten wird den organisierten Sport in der Stadt Münster
in den Blickpunkt des Handelns der politischer Gremien der Stadt Münster und des
Corona-Krisenstabes rücken.
Zunächst einmal dürfen wir Münsteranerinnen und Münsteraner stolz auf das sein, was wir
in den vergangenen Wochen gemeinsam erreicht haben: Das Hauptaugenmerk allen Handelns
seit Mitte März bestand darin, die rasante Ausbreitung von Covid19 deutlich zu verlangsamen
und unsere Gesundheitssystem auf die Herausforderungen der Pandemie auszurichten,
die Handlungsfähigkeit unserer Kommune und die Versorgung unserer Bürgerinnen
und Bürger trotz eines sehr weitgehenden „Shutdown“ zu erhalten und zugleich
dafür zu sorgen, dass die zentralen Tugenden unserer Stadtgesellschaft – das Miteinander
und Füreinander, Solidarität und Menschlichkeit – nicht darunter leiden, sondern eher noch
gestärkt werden.
Im Namen des gesamten SSB Münster darf ich Ihnen, dem Krisenstab und allen Beteiligten
in der Stadtverwaltung für all das danken, was Sie bisher in diesen außergewöhnlichen
Zeiten geleistet haben; wohl wissen, dass wir uns – wie wir Sportler es berechnen würden
– definitiv erst in der ersten Halbzeit der Corona-Krise befinden, vermutlich sogar erst im
ersten Drittel oder Viertel.
Ich füge zugleich hinzu, und dies macht mich wiederum als ehrenamtlichen Vorsitzenden
des SSB Münster mit seinen fast 200 Sportvereinen, ein wenig stolz, dass der organsierte
Sport einen nicht unerheblichen Anteil an der konsequenten Umsetzung des Prinzips „Stay
at home“ hat: Als die Stadt Münster die Schließung aller Sportstätten zu Mitte März beschloss,
waren viele unsere Vereine bereits wohlvorbereitet. Es zeugt zum einen von einem
ungemeinen Bürgersinn unserer 95.000 Mitglieder und zum anderen von einer nicht
minder respektablen organisatorischen Leistung unserer Vereinsvorstände, die ja oftmals
gleich mehrere Sportstätten, -hallen und –plätze betreuen, dass diese Schließung – Hand
in Hand mit der Sportverwaltung – gleichsam über Nacht völlig reibungslos und über nunmehr
sechs Wochen sehr diszipliniert umgesetzt wurde. Nur ganz vereinzelte Ausnahmen
bestätigten diesen aus unserer Sicht überragenden Gesamteindruck. Einmal mehr hat
sich gezeigt: Auf seine Sportlerinnen und Sportler und auf seine Sportvereine
kann sich Münster verlassen. Das schließt im Übrigen auch die vielen und vielfältigen
digitalen Kursangebote und Tutorials ein, die viele unsere Vereine auf digitalem Wege bereitgestellt
haben, damit Münster sich weiterhin bewegt.
Zu Ostern haben wir unseren Mitgliedsvereinen eine alte Weisheit mit auf den Weg gegeben,
die in Krisenzeiten durchaus hilft. Sie lautet sinngemäß: „Wenn Du eine lange Reise
durch die Wüste planst, nimmt zwei Kamele mit und suche Dir am besten die beiden Kamele
aus, die die Namen Humor und Geduld tragen.“ Mit der darin enthaltenen humorvollen
Gelassenheit könnte man sagen: In den vergangenen sechs Wochen wurde zwar weiterhin
viel in den Vereinen geschwitzt. Das bezog sich aber allenfalls auf die Platzpflege,
auf die Arbeit in den mittlerweile besser denn je aufgeräumten Geschäftsstellen, dem hoffentlich
auch in den städtischen Turnhallen regelmäßig erfolgten Betätigen der Duschen
zur Vermeidung von Legionellen und dem Abarbeiten der vielfältigen bürokratischen Aufgaben,
mit denen Sportvereine leider mehr und mehr konfrontiert werden.
In sehr vielen Vereinen ist der Vorrat an Humor und Gelassenheit aber schon lange aufgebraucht.
Schließlich verstärkt jeder neue Tag der Corona-Krise den existenziellen Druck
auf unsere Clubs. Wir müssen schon jetzt feststellen: Auch wenn die Auswirkungen noch
nicht konkret benannt und beziffert werden können (dies ist ja wesentlich von der Länge
der Pandemie abhängig), so müssen wir davon ausgehend, dass sich der organisierte
Sport in der Stadt Münster in der mit weitem Abstand größten Krisensituation
seit 1945 befindet. Dies betrifft
– die Sportvereine in ihrer gesamten Struktur und Finanzkraft
– die Frage, ob und wie zukünftig weiter flächendeckend Breitensportangebote aufrechterhalten
werden können, gerade auch mit Blick auf unsere Risikogruppen,
– die Frage, wie und in welchem Umfang der Leistungssport in der Stadt nach Corona
gesichert werden kann und nicht zuletzt wie während der Krise ein adäquates Training
für Kaderathleten ermöglicht werden kann
– wie wir Kinder und Jugendliche in Bewegung halten können (eine Frage, die bei der
Wiedereröffnung der Schulen scheinbar gar nicht thematisiert wird)
– und wie wir die beruflichen Existenzen von Trainern, Übungsleitern und hauptamtlichen
Geschäftsstellenmitarbeiter/-innen sichern können.
Jetzt ist eine differenzierte Betrachtung auch des Sports das Gebot der Stunde!
Vor dem Start in die „verflixte“ siebte Woche ohne Sport mehren sich aber auch bei uns
die Stimmen, die einen allmählichen Übergang von dem bisherigen „ordnungssportpolitischen
Ansatz“ („Wir schließen und riegeln alle Sportstätten ab und überwachen
dies“) hin zu einer deutlich differenzierteren Betrachtung des Sportgeschehens fordern.
Wir stellen leider fest: In der öffentlichen, politischen Debatte – weder in der
Bundesebene, noch in der Landesebene und auch nicht in unserer Kommune –
spielt die sukzessive Wiederaufnahme des Sports bisher eine Rolle. Für uns und
unsere Mitgliedsvereine ist das nur schwer erträglich.
Bitte verstehen Sie uns dabei nicht falsch: Für uns gilt nach wie vor das Primat des Gesundheitsschutzes.
Aber es ist jetzt mehr als Zeit für eine differenzierte Betrachtung der
Sinnhaftigkeit einer Fortsetzung dieses vollständigen „Shutdown“.
Aus Sicht des SSB Münster hätte es bereits Mitte März eine Reihe von sehr guten Argumenten
für das Fortführen vereinzelter Sportangebote gegeben. Wir haben diese Argumentation
bewusst zurückgestellt, weil wir damit nicht den solidarischen Ansatz, des
„Stay-at-Home“ gefährden wollten. Hier galt selbstverständlich Gemeinsinn vor möglichen
Einzelinteressen.
Sechs Wochen später ist es aber Zeit für eine differenzierte Betrachtung des Sportgeschehens.
Unser hauptamtliches Team in der Geschäftsstelle arbeitet gerade an einer Reihe
konkreter Vorschläge, die wir dann den sportpolitischen Sprechern der Ratsfraktionen
ebenso wie unserem Sportdezernenten und der Sportamtsleiterin zur Verfügung stellen
werden. Bitte lassen Sie mich aber an dieser Stelle schon an einigen Beispielen festmachen,
zu welchen Ergebnissen dieser differenzierte Blick führt:
1) Auf dem Kanal findet man von Tag zu Tag mehr Stand-up-Paddler, die übrigens
auch die Anlagen unserer Rudervereine zum Ein- und Ausstieg nutzen. Warum ist
es nicht zulässig, dass Ruderer, sei es im Einer oder im Zweier, auf dem Kanal trainieren
dürfen?
2) Zu den Sportanlagen mit den größten Kostenapparaten zählen Golfanlagen. Warum
kann man Golfclubs nicht per Online-Buchung weiterbetreiben? Flights werden auf
zwei Personen reduziert und in einem passenden Zeitabstand „auf die Reise geschickt“.
Umziehen und Duschen erfolgt zuhause. Ähnliches ist übrigens auch für
den Tennissport denkbar, insbesondere wenn „immer dieselben zwei Personen“ sich
zum Training verabreden.

Mit dem Blick auf unsere Mitgliedsvereine sehe ich adhoc eine Fülle von möglichen und
sinnvollen Lockerungen, bezogen auf den Sport an freier Luft u. a. hier:
o Aerosport
o Bogenschießen
o Boule („Duell“ eins gegen eins)
o Callesthenics
o Flossenschwimmen im Kanal
o Gleitschirmfliegen
o Inline-Skating (mit Abstandsregeln)
o Kanusport
o Klettersport
o Langstreckenschwimmen im Kanal
o diverse Disziplinen in der Leichtathletik
o Modellflugsport (denken Sie an Martin Münster vom „Ball des Sports“
o Nordic Walking
o Rudern
o Segeln
o Speckbrett (analog zu Tennis)
o Sport im Park (mit angemessener Abstandsregelung)

Ähnliche Optionen sehe ich übrigens auch für den Sport in der Halle, und damit ein drittes
und letztes Beispiel:
3) Wenn sich doch zwei Menschen begegnen dürfen, was spricht dann dagegen, dass
unsere Deutschen Meister im Tanzen, David Jenner und Elisabeth Tuigunov, ihr
Training zu zweit ausüben, ggf. mit den Anweisungen eines Coaches in einer gewissen
Distanz? Dies ließe sich generell auf Einzel- oder Zweiertraining in den Sportarten
Jazz Dance, Modern Dance, Tanz und Ballett übertragen.

Auch hier ergibt sich beim Blick auf die Vielfalt des organisierten Sports viel Raum für einen
allmählichen, kreativen Wiederbeginn in Sport, beispielsweise für
o Einzeltraining auf der Bahn im Bowling und Kegeln
o Fechten (hier gilt ja bereits die Maskenpflicht…)
o Krafttraining (insbesondere für Kaderathleten erforderlich)
o einzelne Rückschlagsportarten, wenn auch in der Halle in identischen Zweierteams
trainiert, wird wie Badminton, Padel-Tennis, Tennis und Tischtennis
o Schach
o Trampolinturnen
Last but not least müssen auch Gymnastik- und Bewegungsangebote in Kleingruppen bzw.
in größeren Räumen wieder ermöglicht werden. Selbstverständlich gilt es dabei insbesondere
die „Leitplanken“ zu beachten, die unser Dachverband in den vergangenen Tagen
definiert hat:
o Distanzregeln einhalten
o Körperkontakte auf das Minimum reduzieren
o Freiluftaktivitäten präferieren
o Hygieneregeln einhalten
o Umkleiden und Duschen zu Hause
o Fahrgemeinschaften vorübergehend aussetzen
o Veranstaltungen wie Mitgliederversammlungen und Feste unterlassen
o Trainingsgruppen verkleinern
o Angehörige von Risikogruppen besonders schützen
o Risiken in allen Bereichen minimieren

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
als Vertretung des organisierten Sports in Münster bittet der Stadtsportbund
Münster Sie im Namen seiner Mitgliedsvereine, die sukzessive und verantwortungsvolle
Wiederaufnahme des Sports im Rahmen eines differenzierten Konzepts
zu einem wichtigen Gegenstand des Handelns der Stadt Münster in den
kommenden Tagen zu machen.
Der SSB Münster steht Ihnen mit seiner Expertise jederzeit gerne zur Verfügung. Wir
zählen darauf, dass wir in der Trias aus Sportpolitik, Sportverwaltung und SSB
gerade auch in dieser sehr kritischen Phase zu gemeinsamen konstruktiven und
kreativen Lösungen kommen. Zudem glauben wir, dass gerade in einer Phase, in der
eine Vielzahl von städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (nicht nur die Bademeister)
derzeit nur eingeschränkt ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen können, ein solcher
„Restart“ auch durch personelle Unterstützung der Stadt begleitet werden könnte. Für unsere
Mitgliedsvereine ist dieser personelle und zumeist ehrenamtliche Einsatz im Übrigen
nicht zur selbstverständlich, sondern für den weiteren Fortbestand lebensnotwendig.

Mit sportlichen Grüßen, und bleiben Sie bitte gesund!
Michael Schmitz
Vorsitzender